Nicht jeder Spieler kommt über seine Weltranglistenposition ins Hauptfeld eines Turniers. Wildcards und die Qualifikation sind die beiden alternativen Wege, und beide haben eigene Regeln, wenn es um Ranglistenpunkte geht. Wer glaubt, dass ein Wildcard-Spieler bei einem Grand Slam automatisch dieselben Punkte erhält wie ein direkt qualifizierter Teilnehmer, irrt sich. Die Punktevergabe hängt davon ab, wie weit der Spieler kommt, und im Fall einer Wildcard gelten in der ersten Runde besondere Bedingungen.
Für Spieler außerhalb der Top 100 sind die Qualifikation und die gelegentliche Wildcard oft die einzige Chance, bei den großen Events aufzuschlagen. Wie die Punktevergabe in diesen Fällen funktioniert und welche Sonderregeln gelten, ist weniger bekannt, als man vermuten würde.
Tennis Qualifikation und Wildcards: ATP Punkte ab der 1. Runde im Hauptfeld
Die Qualifikation ist der reguläre Weg für Spieler, deren Ranking nicht für den Direkteinzug ins Hauptfeld reicht. Bei Grand Slams umfasst sie drei Runden mit einem eigenen 128-er Teilnehmerfeld, bei Masters-1000-Turnieren je nach Draw-Größe zwei oder drei Runden. Wer alle Qualifikationsrunden übersteht, zieht ins Hauptfeld ein und steht dort gleichberechtigt neben den Spielern, die sich über ihr Ranking direkt qualifiziert haben.
Im Hauptfeld gelten dann die normalen Punkteregeln: Jede Runde bringt die reguläre Punktzahl, identisch zu den direkt qualifizierten Spielern. Ein Qualifikant, der bei den Australian Open das Achtelfinale erreicht, erhält dieselben 200 Punkte wie ein direkt gesetzter Spieler, der in derselben Runde ausscheidet. Es gibt keinen Qualifikanten-Abschlag, keinen reduzierten Punktewert.
Zusätzlich erhalten Qualifikanten einen Bonus für das erfolgreiche Durchlaufen der Qualifikation. Bei Grand Slams beträgt dieser Quali-Bonus in der Regel 25 Punkte. Bei Masters-1000-Turnieren mit großem Feld sind es ebenfalls bis zu 25 Punkte, bei kleineren Turnieren entsprechend weniger. Dieser Bonus ist kein gewaltiger Betrag, aber für Spieler auf den Rängen 100 bis 150 kann er den Unterschied zwischen zwei, drei Plätzen in der Weltrangliste ausmachen. Auf diesem Niveau trennen manchmal 15 Punkte Platz 110 von Platz 120, und der Unterschied entscheidet, ob man beim nächsten Turnier direkt im Hauptfeld steht oder erneut durch die Qualifikation muss.
Auch das Preisgeld der Qualifikation ist nicht zu unterschätzen. Bei den US Open 2025 erhielt ein Spieler, der in der letzten Qualifikationsrunde ausschied, immerhin 27.500 Dollar. Wer es ins Hauptfeld schaffte und dort in Runde eins verlor, bekam 110.000 Dollar. Die Qualifikation ist also kein Vorprogramm. Sie ist ein eigenständiger Wettbewerb mit relevantem finanziellem und ranking-technischem Ertrag.
Wildcard-Regel: 0 Punkte bei Erstrunden-Aus
Wildcards werden von Turnierveranstaltern an Spieler vergeben, die es über ihr Ranking nicht ins Hauptfeld geschafft hätten. Die Gründe sind vielfältig: lokale Publikumslieblinge, junge Nachwuchstalente, ehemalige Champions auf dem Comeback-Pfad oder Spieler, die das Turnier medial aufwerten sollen.
Die entscheidende Regel: Wildcard-Spieler, die in der ersten Runde des Hauptfelds bei einem Grand Slam oder Masters-1000-Turnier verlieren, erhalten null Weltranglistenpunkte. Nicht die üblichen 10 oder 25 Punkte, die ein direkt qualifizierter Spieler für ein Erstrunden-Aus bekommt. Null. Erst ab Runde zwei, also nach dem ersten Sieg im Hauptfeld, werden reguläre Punkte gutgeschrieben.
Hinter dieser Regel steckt eine klare Logik: Die ATP will verhindern, dass Turniere durch großzügige Wildcard-Vergabe das Ranking-System verwässern. Würde jede Wildcard-Teilnahme automatisch Punkte bringen, könnten Veranstalter lokale Spieler wiederholt einladen und ihnen so Ranking-Vorteile verschaffen, die ihre sportliche Leistung nicht rechtfertigt.
Für die betroffenen Spieler hat das praktische Konsequenzen. Ein junger Deutscher, der eine Wildcard für die Hamburg Open erhält und dort in Runde eins gegen einen Top-20-Spieler verliert, geht punktemäßig leer aus. Hätte er stattdessen ein Challenger-Turnier in derselben Woche gespielt und dort das Viertelfinale erreicht, wären 25 bis 50 Punkte herausgesprungen. Die Challenger Tour bietet für Spieler unterhalb der Top 100 bei einem Preisgeldvolumen von 28,5 Millionen Dollar in der Saison 2025 eine verlässliche Punktequelle, die Wildcards nicht ersetzen können.
Lucky Loser und Special Exempt
Neben Wildcards und Qualifikation gibt es zwei weitere Wege ins Hauptfeld, die eigene Regeln haben. Lucky Loser sind Spieler, die in der letzten Qualifikationsrunde ausgeschieden sind, aber nachrücken, wenn ein direkt qualifizierter Spieler vor Turnierbeginn zurückzieht. Sie erhalten dieselben Punkte wie reguläre Hauptfeld-Teilnehmer, also auch Punkte für ein Erstrunden-Aus. Die Null-Punkte-Regel für Wildcards gilt für sie nicht, weil sie ihren Platz nicht geschenkt bekommen, sondern fast die gesamte Qualifikation durchlaufen haben.
Special Exempts sind Spieler, die das Hauptfeld eines anderen Turniers in derselben Woche noch nicht abschließen konnten, typischerweise weil ein Halbfinale oder Finale wegen Regens verschoben wurde. Sie dürfen beim nächsten Turnier direkt ins Hauptfeld einsteigen, ohne Qualifikation oder Wildcard. Auch für sie gelten die regulären Punkteregeln ohne Einschränkungen.
In beiden Fällen handelt es sich um Ausnahmen, die selten auftreten, aber die Turnierauslosung gelegentlich durcheinanderbringen. Ein Lucky Loser, der ein Masters-Turnier gewinnt, ist eine Rarität, aber es ist vorgekommen. Die Punkte, die er dafür erhält, sind identisch zu denen eines regulären Siegers. Tennis kennt in dieser Hinsicht keine Punkte zweiter Klasse: Wer im Hauptfeld steht und gewinnt, bekommt die volle Ausschüttung, unabhängig davon, wie er dorthin gekommen ist.
Wie Wildcards Pflichtturnier-Wertung beeinflussen
Ein Aspekt, der selbst erfahrene Tennis-Beobachter überrascht: Wenn ein Spieler per Wildcard, Lucky Loser oder Qualifikation in das Hauptfeld eines seiner Pflichtturniere einzieht, fließt dieses Ergebnis automatisch in seine Ranking-Wertung ein. Es spielt keine Rolle, dass er nicht über sein Ranking direkt qualifiziert war. Das Turnier ist Pflicht, und sobald der Spieler dort antritt, wird das Ergebnis gewertet.
Das kann nachteilig sein. Ein Top-30-Spieler, der seine Form verloren hat und bei den Australian Open nur dank einer Wildcard im Hauptfeld steht, bekommt bei einem Erstrunden-Aus null Punkte auf einem seiner Pflichtplätze. Hätte er stattdessen an einem ATP-250-Turnier teilgenommen, hätte er dort womöglich 100 oder 150 Punkte geholt. Aber die Grand-Slam-Pflicht lässt ihm keine Wahl: Das Turnier zählt, egal wie er ins Hauptfeld kam. Die Wildcard wird zum Pflichtstart, und ein Erstrundenaus zum Nuller in der Bilanz.
Dasselbe gilt für Masters-1000-Turniere. Ein Spieler, der per Wildcard bei Cincinnati antritt, weil sein Ranking nach einer schwachen Sandplatzsaison abgerutscht ist, muss dieses Ergebnis in seiner Ranking-Wertung akzeptieren. Er kann es nicht nachträglich durch ein besseres Resultat bei einem anderen Turnier ersetzen, solange Cincinnati zu seinen Pflichtturnieren gehört.
Andrea Gaudenzi, ATP Chairman, fasste die Philosophie hinter dem gesamten System so zusammen: „We’re giving players the financial support they need to overcome challenges and build a sustainable career.“ Die Wildcard- und Qualifikationsregeln sind Teil eines größeren Rahmens, der Spielern Chancen bietet, sie aber gleichzeitig an die Leistungsprinzipien der Weltrangliste bindet. Wer die Chance bekommt, muss liefern. Sonst gibt es keine Punkte.

