Die International Tennis Integrity Agency, kurz ITIA, ist die unabhängige Organisation, die den professionellen Tennissport vor Betrug, Manipulation und Doping schützt. Gegründet 2021 als Nachfolgerin der Tennis Integrity Unit, bündelt die ITIA zwei Programme unter einem Dach: das Tennis Anti-Corruption Programme gegen Wettbetrug und Match-Fixing und das Tennis Anti-Doping Programme gegen Substanzmissbrauch. Die ITIA arbeitet unabhängig von ATP, WTA, ITF und den Grand Slams, wird aber von allen vier Säulen des Profitennis gemeinsam finanziert.
2024 war für die ITIA das bisher folgenreichste Jahr. Hochkarätige Anti-Doping-Fälle, Dutzende Sanktionen wegen Wettbetrug und ein massiver Ausbau der Präventionsprogramme machten die Agentur so sichtbar wie nie zuvor.
Was ist die ITIA?
Die ITIA wurde 2021 gegründet, nachdem ein unabhängiger Bericht empfohlen hatte, die Anti-Korruptions- und Anti-Doping-Arbeit im Tennis zu professionalisieren und von den Verbänden zu trennen. Die Idee: Wer über Integrität urteilt, darf nicht gleichzeitig die Turniere veranstalten, bei denen die Verstöße stattfinden. Die ITIA operiert deshalb als eigenständige Einheit mit eigenem Budget, eigenem Personal und eigenem Untersuchungsteam.
Das Budget im Geschäftsjahr 2024 betrug 15,2 Millionen Dollar, finanziert durch Beiträge der ATP, WTA, ITF und der vier Grand-Slam-Turniere. Dieses Geld fließt in Ermittlungen, Testprogramme, Bildungsinitiativen und den Betrieb des Tennis Integrity Protection Programme, das Spieler, Trainer und Offizielle sensibilisiert.
Die ITIA beschäftigt ein Team aus ehemaligen Strafverfolgungsbeamten, Datenanalysten und Sportjuristen, die weltweit operieren. Ihre Zuständigkeit erstreckt sich auf alle professionellen Tenniswettbewerbe, von den Grand Slams über die ATP- und WTA-Tour bis hin zu den ITF-Futures-Events, wo das Manipulationsrisiko statistisch am höchsten ist, weil die Preisgelder niedrig und die Überwachung weniger dicht ist.
Im Geschäftsjahr 2024 sprach die ITIA 34 Sanktionen aus, davon 28 im Bereich Anti-Corruption und sechs im Bereich Anti-Doping. Die Sanktionen reichen von Verwarnungen über temporäre Sperren bis hin zu lebenslangen Ausschlüssen vom professionellen Tennis.
Anti-Corruption: Match-Fixing bekämpfen
Die Anti-Corruption-Arbeit der ITIA richtet sich gegen Wettbetrug und Spielmanipulation. Das Tennis Anti-Corruption Programme überwacht den globalen Wettmarkt in Echtzeit und identifiziert verdächtige Wettmuster, die auf abgesprochene Ergebnisse hindeuten. Wenn in einer Drittrundenpartie bei einem Challenger-Turnier in Usbekistan plötzlich hohe Beträge auf ein bestimmtes Satzergebnis gesetzt werden, schlägt das Monitoring-System Alarm.
2024 analysierte die ITIA rund 2.700 Matches mit verdächtigen Wettalerts. Das bedeutet nicht, dass all diese Matches manipuliert waren, sondern dass die Wettmuster auffällig genug waren, um eine Überprüfung auszulösen. Die meisten Alerts entpuppen sich nach Analyse als harmlos: Insider-Informationen über Verletzungen, die auf dem Wettmarkt schneller eingepreist werden als in den Medien, können ähnliche Muster erzeugen wie tatsächliche Manipulation.
Die ITIA betreibt zudem das Tennis Integrity Protection Programme, kurz TIPP, eine Plattform, über die Spieler, Trainer und Offizielle verdächtige Kontaktaufnahmen melden können. 2024 gingen über 15.000 Meldungen bei TIPP ein, ein Zeichen dafür, dass die Sensibilisierung wirkt. Spieler, die von Wettsyndikaten angesprochen werden, haben eine anonyme Anlaufstelle, die ihre Meldung vertraulich behandelt und ermittelt.
Die Sanktionen im Anti-Corruption-Bereich treffen überwiegend Spieler auf den unteren Ebenen der Profitour, ITF-Futures und Challenger-Events, wo die Preisgelder niedrig und die Versuchung hoch ist. Ein Spieler, der bei einem $15K-Turnier in der ersten Runde verliert und 200 Dollar Preisgeld bekommt, ist anfälliger für Angebote von Wettsyndikaten als ein Top-50-Spieler, der Millionen verdient. Die ITIA hat dieses Problem erkannt und konzentriert ihre Ermittlungsressourcen auf die unteren Tourebenen.
Anti-Doping: Fälle 2024
Das Tennis Anti-Doping Programme machte 2024 durch zwei hochkarätige Fälle Schlagzeilen. Jannik Sinner, die damalige Nummer 1 der Welt, testete positiv auf Clostebol, eine anabole Substanz, die über eine kontaminierte Creme seines Physiotherapeuten in seinen Körper gelangt war. Ein unabhängiges Tribunal sprach ihn frei, die WADA legte Berufung beim CAS ein, und Sinner akzeptierte schließlich eine dreimonatige Sperre als Teil eines Vergleichs. Der Fall polarisierte die Tenniswelt, weil Kritiker monierten, dass ein Top-Spieler anders behandelt werde als ein Spieler auf Platz 300.
Iga Świątek, die ehemalige Nummer 1 der Damen, wurde ebenfalls 2024 positiv getestet, auf Trimetazidin, eine Herzmedikation, die über ein kontaminiertes Medikament in ihren Körper gelangt war. Sie akzeptierte eine einmonatige Sperre und kehrte danach auf die Tour zurück.
ITIA-Vorsitzende Jennie Price kommentierte das Jahr: „By any measure, 2024 was the most significant year yet for the ITIA since its formation.“ Diese Einschätzung bezog sich nicht nur auf die prominenten Fälle, sondern auf die gesamte Arbeit der Agentur: mehr Tests, mehr Sanktionen, mehr Transparenz.
Bildung und Prävention: TIPP und ITF Academy
Neben Ermittlung und Sanktion investiert die ITIA massiv in Bildung. Über die ITF Academy wurden mehr als 30.000 Online-Module absolviert, die Spieler, Trainer und Turnieroffizielle über Integritätsregeln, Wettverbote und Anti-Doping-Bestimmungen informieren. Das Programm ist Pflicht für alle Spieler, die an professionellen Turnieren teilnehmen wollen.
Die Bildungsarbeit reicht bis in die Juniorenebene. Spieler ab 14 Jahren, die an ITF-Juniorenturnieren teilnehmen, durchlaufen ein eigenes Modul, das altersgerecht über die Risiken von Match-Fixing und Doping informiert. Die Prämisse: Wer früh lernt, was erlaubt ist und was nicht, ist als Erwachsener weniger anfällig für Manipulationsversuche.
Die ITIA führt zudem regelmäßig Workshops vor Ort durch, bei Grand Slams, Masters-Turnieren und Challenger-Events. Spieler, die Fragen zu den Integritätsregeln haben, können sich direkt an die ITIA-Vertreter vor Ort wenden. Diese Präsenz ist bewusst niedrigschwellig gehalten: Wer nicht weiß, ob ein bestimmtes Verhalten erlaubt ist, soll lieber fragen als raten. Die ITIA versteht sich dabei nicht nur als Polizei, sondern als Partner der Spieler, der den Sport schützen will, nicht zerstören.

