ATP OneVision ist der strategische Masterplan, der seit 2023 die größten Veränderungen auf der Herrentour seit über einem Jahrzehnt antreibt. Von der Profit-Sharing-Formel über das Baseline-Programm bis zur Erweiterung der Masters-1000-Formate hat OneVision praktisch jeden Aspekt der Tour berührt, der mit Geld, Ranking und Turnierstruktur zu tun hat. Wer verstehen will, warum die ATP heute anders funktioniert als noch 2022, muss bei OneVision anfangen.
Die Strategie wurde unter der Leitung von ATP-Chairman Andrea Gaudenzi entwickelt, einem ehemaligen Spieler, der die Probleme der Tour aus eigener Erfahrung kennt. Ihr Kern: Die Interessen von Spielern und Turnieren sollen nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander arbeiten.
ATP OneVision Strategie: Tour-Einheit, Fan-Fokus und finanzielles Wachstum
OneVision basiert auf drei Kernprinzipien. Das erste ist Einheit: Die historische Fragmentierung zwischen ATP, WTA, ITF und den Grand Slams soll durch engere Zusammenarbeit reduziert werden. Dazu gehört eine gemeinsame Netflix-Serie, die den Sport einem breiteren Publikum zugänglich macht, und koordinierte Kalenderplanung, die Überschneidungen minimiert.
Das zweite Prinzip zielt auf die Fans. Tennis konkurriert nicht nur mit anderen Sportarten, sondern mit dem gesamten Entertainment-Sektor. OneVision setzt auf digitale Transformation, bessere Stadionerlebnisse und mehr Non-Live-Content, also Highlights, Dokumentationen und Social-Media-Formate, die auch außerhalb der Spielzeiten Reichweite generieren.
Das dritte Prinzip ist finanzielles Wachstum. Die Aggregation der Medienrechte in ATP Media, der zentralen Vermarktungsplattform, und die Gründung von Tennis Data Innovations, einem eigenständigen Datenunternehmen, haben neue Einnahmequellen erschlossen. Laut dem OneVision-Strategiepapier der ATP hat die Zentralisierung der Datenrechte die Nettoerlöse für Turniere und Spieler nahezu verdoppelt. Das Geld, das früher in fragmentierten Einzelverträgen versickerte, fließt jetzt über einen Pool, von dem alle profitieren. ATP-Chairman Gaudenzi beschrieb diesen Effekt als den eigentlichen Motor hinter den gestiegenen Preisgeldern: Die Datenerlöse finanzieren die Initiativen, die das Geld an die Spieler weiterreichen.
Diese drei Säulen sind keine abstrakten Unternehmensziele. Sie haben konkrete Auswirkungen auf den Turnierkalender, die Punkteverteilung und die finanziellen Rahmenbedingungen, unter denen Spieler ihre Karriere planen.
Profit-Sharing erklärt
Das Herzstück von OneVision ist die Profit-Sharing-Formel für die Masters-1000-Turniere. Die Grundidee: Jeder Nettogewinn, den ein Masters-1000-Turnier über das Basis-Preisgeld hinaus erwirtschaftet, wird zu 50 Prozent an die Spieler ausgeschüttet. Die anderen 50 Prozent behalten die Turniere.
Vor OneVision bekamen Spieler ausschließlich das ausgeschriebene Preisgeld. Ob ein Turnier Millionengewinne einfuhr oder gerade kostendeckend arbeitete, spielte für die Spieler keine Rolle. Sie waren Dienstleister, keine Partner. Die Profit-Sharing-Formel ändert das fundamental: Spieler profitieren jetzt direkt vom kommerziellen Erfolg der Events, an denen sie teilnehmen.
Die Zahlen sprechen für sich. Im Geschäftsjahr 2024 betrug die Profit-Sharing-Ausschüttung insgesamt 18,3 Millionen Dollar, verteilt auf 186 Spieler, die bei Masters-1000-Turnieren Ranglistenpunkte gesammelt hatten. Das war ein Anstieg um den Faktor 2,7 gegenüber dem Vorjahr. Die Berechnung erfolgt auf Basis eines Werts pro Ranglistenpunkt: Wer mehr Punkte bei Masters-Events sammelt, erhält einen größeren Anteil am Pool.
In der Praxis bedeutet das eine Bonuszahlung von 25 Prozent auf das ohnehin schon gezahlte Basis-Preisgeld bei Masters-Turnieren. Für die Top-Spieler summieren sich diese Zahlungen auf siebenstellige Beträge: Jannik Sinner erhielt 2024 rund 1,33 Millionen Dollar, Alexander Zverev etwa 1,23 Millionen. Für Spieler auf den Rängen 50 bis 100, die bei Masters-Turnieren regelmäßig die dritte Runde erreichen, liegt der Bonus im fünfstelligen Bereich, genug, um die Kosten eines Trainers oder eines Physios für mehrere Monate zu decken. Auch Spieler, die nur einmal bei einem Masters-1000-Event Erstrundenpunkte sammeln, erhalten einen Anteil, wenn auch einen kleinen.
Baseline, Pension, Bonus Pool
Neben dem Profit-Sharing hat OneVision drei weitere finanzielle Sicherheitsnetze geschaffen, die das Leben eines ATP-Profis grundlegend verändert haben.
Das Baseline-Programm, seit 2024 in einer dreijährigen Testphase, garantiert den Top-250-Spielern ein Mindesteinkommen. Wer die Saison in den Top 100 beendet, erhält mindestens 300.000 Dollar. Für die Ränge 101 bis 175 liegt die Garantie bei 200.000 Dollar, für die Ränge 176 bis 250 bei 100.000 Dollar. Fällt das tatsächliche Preisgeld unter diese Schwelle, gleicht die ATP die Differenz aus. Im ersten Jahr wurden 1,3 Millionen Dollar an 26 Spieler ausgeschüttet.
Der Player Retirement Plan, die Pensionskasse der ATP, wurde unter OneVision massiv ausgebaut. Die Zahl der qualifizierten Spieler stieg von 165 auf 300 pro Saison. Die prognostizierte Jahreseinzahlung wuchs von 18 auf 25 Millionen Dollar. Für Spieler, die nach ihrer Karriere keine Sponsorenverträge haben, ist diese Pension oft die einzige finanzielle Absicherung.
Der Bonus Pool für Masters-1000-Turniere und die ATP Finals belief sich 2026 auf 21,5 Millionen Dollar. Die 30 Spieler mit den meisten Ranglistenpunken bei diesen Events teilen sich den Pool. Dazu kommt ein ATP-500-Bonus-Pool von 3,07 Millionen Dollar. Andrea Gaudenzi fasste die Philosophie so zusammen: „This is exactly what profit sharing was designed to do: ensure that players and tournaments share equally in the sport’s financial upside.“
Auswirkungen auf Rankings und Turnier-Formate
OneVision hat auch die Spielregeln der Rangliste verändert. Die Erweiterung der Masters-1000-Turniere von acht auf zwölf Tage seit 2023 hat mehr Spielern Zugang zum Hauptfeld verschafft, weil die Felder von 56 auf 96 Spieler gewachsen sind. Mehr Spieler im Hauptfeld bedeuten mehr Ranglistenpunkte im Umlauf und eine breitere Verteilung der Einnahmen. Gleichzeitig treiben die erweiterten Formate massive Infrastrukturinvestitionen: In Cincinnati, Madrid, Rom und Shanghai fließen dreistellige Millionenbeträge in Stadionumbauten und neue Anlagen, die für das 12-Tage-Format notwendig sind.
Die Ranking-Reform 2026, die die Zahl der zählenden Turnierergebnisse von 19 auf 18 reduziert, ist ebenfalls eine direkte Konsequenz der OneVision-Philosophie: weniger Pflicht, mehr Flexibilität, bessere Work-Life-Balance für die Spieler. Gleichzeitig wurde ein ATP-500-Pflichtturnier gestrichen, was den Spielern mehr Freiheit bei der Saisonplanung gibt. Das Ziel ist nicht, weniger Tennis zu spielen, sondern die richtigen Turniere zur richtigen Zeit zu spielen.
Auf der Challenger Tour hat OneVision das Preisgeld von 12,1 Millionen Dollar im Jahr 2022 auf 28,5 Millionen Dollar im Jahr 2025 gesteigert, ein Anstieg von 135 Prozent. Die neue Marke „On The Rise“ gibt der Challenger Tour erstmals eine eigene Identität, die sie von der Haupttour unterscheidet, aber gleichzeitig als Sprungbrett positioniert. Dazu wurde ein eigenes Challenger-Leadership-Team bei der ATP installiert, das ausschließlich für Wachstum und Sichtbarkeit der zweiten Ebene zuständig ist.
All diese Maßnahmen verfolgen ein gemeinsames Ziel: Die Tour soll für Spieler, Fans und Investoren gleichermaßen attraktiver werden. Die Weltrangliste ist dabei nicht nur ein Messinstrument, sondern ein wirtschaftliches Steuerungselement. Wer oben steht, profitiert am meisten. Aber durch OneVision profitieren auch jene, die weiter unten stehen, mehr als je zuvor.

