Zum ersten Mal in der Geschichte spielen mehr als 100 Millionen Menschen weltweit Tennis. Der ITF Global Tennis Report 2024 beziffert die Zahl auf 106 Millionen, ein Anstieg von 25,6 Prozent seit 2019. In 199 Nationen wird Tennis gespielt, organisiert, gefördert und auf Wettkampfniveau betrieben. Was als europäischer Oberschichtsport begann, ist zu einem globalen Phänomen geworden, das von Seoul bis São Paulo, von Mumbai bis Melbourne Menschen auf den Platz bringt.
Die Zahlen zeigen nicht nur Wachstum, sondern auch eine Verschiebung der Gewichte. Asien hat Europa als teilnehmerstärksten Kontinent abgelöst, und die Infrastruktur wächst in Regionen, die vor zehn Jahren kaum Tennisplätze hatten.
ITF Global Tennis Report 2024: Kernzahlen
Die 106 Millionen Spieler verteilen sich ungleichmäßig über die Kontinente. Asien führt mit 35,3 Millionen Spielern, getrieben durch massives Wachstum in China, Indien, Japan und Südkorea. Europa kommt auf 29,6 Millionen, Nordamerika auf 28,8 Millionen. Südamerika, Afrika und Ozeanien teilen sich den Rest.
Der Anstieg von 25,6 Prozent seit 2019 ist bemerkenswert, weil er die COVID-19-Pandemie einschließt, die 2020 und 2021 den organisierten Sport weltweit zum Stillstand brachte. Tennis profitierte als Outdoor-Individualsport von der Pandemie: Während Mannschaftssportarten in Hallen und auf engem Raum ausfielen, konnte Tennis mit Abstand auf dem Platz gespielt werden. Dieser Effekt war nicht nur vorübergehend. Viele Menschen, die während der Pandemie mit Tennis begannen, blieben dabei.
Die ITF definiert einen „Tennisspieler“ als jede Person, die in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Tennis gespielt hat. Das umfasst also sowohl den Profi, der 30 Turniere pro Jahr bestreitet, als auch den Gelegenheitsspieler, der zweimal im Sommer auf einem Mietplatz steht. Für die Weltrangliste ist nur ein Bruchteil dieser 106 Millionen relevant: Etwa 3.000 Spielerinnen und Spieler haben ein ATP- oder WTA-Ranking, und weitere 15.000 bis 20.000 besitzen ein ITF-Ranking auf der World Tennis Tour.
Wachstumsregionen: Asien, Südamerika, Europa
Das stärkste absolute Wachstum verzeichnet Asien. China hat in den letzten zehn Jahren massiv in Tennis-Infrastruktur investiert, unterstützt durch die Erfolge von Li Na, deren French-Open-Sieg 2011 eine Welle der Begeisterung auslöste. Indien, mit seiner Cricket-Tradition, entdeckt Tennis als urbane Freizeitsportart, und Japan, angetrieben durch Naomi Osakas Erfolge, verzeichnet steigende Teilnehmerzahlen in allen Altersgruppen.
In Südamerika wächst Tennis vor allem in Brasilien, Argentinien und Kolumbien. Die traditionell starke Sandplatzkultur in Argentinien liefert seit Jahrzehnten ATP-Spieler, und die ITF fördert gezielt die Infrastruktur in kleineren Ländern wie Paraguay und Ecuador, wo neue Tennisplätze in öffentlichen Parks entstehen.
Europa bleibt der am dichtesten versorgte Kontinent. Deutschland stellt mit rund 6 Prozent der weltweiten Tennis-Teilnehmer, was etwa 6,36 Millionen Spielern entspricht, einen der größten nationalen Märkte. Frankreich und Großbritannien folgen, wobei die britische LTA den höchsten Anteil an der Gesamtbevölkerung vermeldet, der regelmäßig Tennis spielt. Die europäischen Verbände profitieren von historisch gewachsener Infrastruktur und einer Vereinskultur, die es in Asien und Südamerika in dieser Form nicht gibt.
Für die Weltrangliste hat das regionale Wachstum konkrete Auswirkungen. Mehr Spieler in Asien bedeuten mehr ITF-Turniere in der Region, mehr Ranking-Punkte im Umlauf und langfristig mehr asiatische Spieler in den Top 100. Die Veränderung vollzieht sich langsam, aber stetig.
Infrastruktur: 698.034 Plätze weltweit
Die globale Tennis-Infrastruktur umfasst laut ITF 698.034 Plätze in 199 Nationen. Davon sind rund 75 Prozent Outdoor-Plätze und 25 Prozent Hallenplätze. Die häufigsten Beläge sind Hartplatz und Sand, wobei die Verteilung regional stark variiert: In Südamerika dominiert Sand, in Australien und den USA Hartplatz, in Europa gibt es eine Mischung aus beiden, ergänzt durch Rasen in Großbritannien und Teppich in Skandinavien.
Deutschland verfügt mit 44.454 Plätzen über den drittgrößten Platzbestand weltweit, hinter den USA und Frankreich. Bezogen auf die Einwohnerzahl ist die Dichte noch beeindruckender: Auf etwa 1.870 Einwohner kommt ein Tennisplatz, eine Versorgungsquote, die weltweit nur von wenigen Ländern übertroffen wird.
Die ITF investiert über ihre Entwicklungsstrategie 2024+4 gezielt in den Ausbau der Infrastruktur in unterversorgten Regionen. Afrika, Zentralasien und die Pazifikinseln erhalten Fördermittel für Platzbauten, Trainerausbildung und die Gründung von nationalen Verbänden. Das Ziel: Tennis soll in jedem Land der Welt zugänglich sein, nicht nur in den traditionellen Tennisnationen. Ob ein Jugendlicher in Lagos oder in Lausanne aufwächst, soll langfristig keinen Unterschied mehr für den Zugang zum Sport machen.
ITF-Ziel: 120 Millionen bis 2030
Die ITF hat sich 2019 das Ziel gesetzt, bis 2030 weltweit 120 Millionen Tennisspieler zu erreichen. Mit 106 Millionen im Jahr 2024 ist der Weg gut zur Hälfte geschafft, und der Trend zeigt in die richtige Richtung. ITF-Präsident David Haggerty formulierte die Ambition so: „In 2019, we set ourselves the task of having 120 million people playing tennis around the world by 2030. The significant growth in participation reflects the proactive and sustained efforts of national associations.“
Die Strategie setzt auf drei Hebel: die Junior Tennis Initiative, die 2024 bereits 251.737 Kinder in 142 Ländern erreichte; die Entwicklung der World Tennis Tour, die Spielern auf dem Weg in die Profitour niedrigschwellige Turniermöglichkeiten bietet; und die Investition in digitale Plattformen, die den Sport zugänglicher und sichtbarer machen sollen.
Ob 120 Millionen bis 2030 realistisch sind, hängt von mehreren Faktoren ab: der wirtschaftlichen Entwicklung in Asien und Afrika, der Verfügbarkeit von Plätzen, der Qualität der Trainerausbildung und nicht zuletzt davon, ob die Stars der Tour weiterhin ein globales Publikum begeistern. Alcaraz, Sinner, Sabalenka und Świątek sind die Gesichter, die den Sport verkaufen. Die 106 Millionen Spieler hinter ihnen sind das Fundament, auf dem alles steht.

